28.12.07

Zu Gast im Hause Harbou

Willkommen zu einer Reise in die Geschichte, genauer gesagt in die Vergangenheit Thea von Harbous, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Nachdem das 'zwölfjährige Reich' in Schutt und Asche lag und weltweit etwa 60 Millionen Tote zu beklagen waren, flüchtete sich das deutsche Volk vor dem Grauen der Vergangenheit in die Zukunft: Der Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands begann mit erstaun-licher Geschwindigkeit; die ehemalige Großverdienerin Thea von Harbou arbeitete u. a. als Trümmerfrau in Berlin an diesem Aufbau mit. Zuvor war sie – im Herbst 1945 – aus dem britischen Internierungslager Staumühle in der Nähe von Paderborn entlassen und mit einem Berufsverbot belegt worden. – 1949 wurde sie in ihrem Entnazifizierungsbescheid dann als „'vom NS-Regime unbelastet'“ eingestuft.

Gegen Ende des Jahres 1945 aber bekam Thea von Harbou Besuch von dem damals siebenjährigen Vinayak Tendulkar, einem Neffen ihrer großen Liebe Ayi Tendulkar. – Ihrem Engagement für Inder und Indien blieb sie also auch nach dem Krieg treu, auch wenn ihre Mittel nun bei weitem nicht mehr an die vorangegangener Zeit heranreichten. – Vinayak Tendulkar jedenfalls fand im Haushalt der kinderlosen Thea von Harbou in der Berliner Frankenallee Aufnahme, wurde dort versorgt und erzogen: In einer Zeit des Mangels legte die deutschnationale Offizierstochter besonderen Wert auf den Sinn für Ordnung und Disziplin ihres Schützlings, nicht immer zu dessen Freude...

Darüber hinaus weiß Vinayak Tendulkar, der mit seinen Eltern auch während des Krieges in Berlin lebte, u. a. von einem Ereignis zu berichten, daß ein Licht auf Thea von Harbous Verhalten im Nationalsozialismus zu werfen vermag: Einerseits zeigt es ihre Zivilcourage und ihr Engagement für 'ihre Inder', andererseits wirft es aber auch ein Licht auf ihre Einflußmöglichkeiten, die aus einer gewissen Nähe zur Macht bzw. den Mächtigen resultierten.

HÖRPROBE
Zwischen Zivilcourage und Nähe zur Macht
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Mehr zu diesen Themen lesen sie in meiner in etwa im Sommer des kommenden Jahres erscheinenden Dissertation Der Krieg und die Frau.

5.9.07

DAS INDISCHE GRABMAL ist als Hörbuch erschienen!

Das Abenteuer einer großen Liebe, einer phantastischen Reise, eines Verbrechens aus Leidenschaft und einer so atemberaubenden wie surrealen Flucht – das alles steckt in Thea von Harbous 1918 erschienenem Roman Das indische Grabmal, der jetzt als Hörbuch erscheint.

Der insgesamt dreimal verfilmte Stoff, der heute v. a. noch durch die Version von Fritz Lang populär ist, entführt seine Hörerinnen und Hörer in die sagenumwobene Traumwelt des fernen, vergangenen Indiens und hält mancherlei spannende Überraschung bereit.

Das indische Grabmal bildet den Auftakt zu der Reihe Filme zum Hören, die im Verlag von MEDIA Net-Kassel erscheint und darauf zielt, die literarischen Werke, die hinter populären Filmklassikern stehen, in neuer Form in den Blick zu nehmen bzw. diesen Gehör zu verschaffen.

HÖRPROBE
Das indische Grabmal
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Die Lesung des Schauspielers und Regisseurs Rudolf Marnitz folgt dem ungekürzten Text der Erstausgabe, der jedoch an einigen wenigen Stellen dem heutigen Sprachgebrauch angepaßt wurde. Ein Formular um das Hörbuch zu bestellen, finden Sie hier. Dieses Formular kann auch direkt online ausgefüllt und via E-Mail gleich wieder zurückgeschickt werden.

12.7.07

Eine große Liebe

Die indische Autorin Laxmi Dhaul erzählt in den nachfolgen Zeilen von ihrem Vater Ayi Tendulkar, der in den dreißiger Jahren mit Thea von Harbou in Berlin liiert bzw. nach hinduistischem Brauch mit ihr verheiratet war. Das Photo zeigt das Paar in jenen glücklichen Tagen, von denen auch Thea von Harbous zeitweilige Sekretärin Michaela Sarma zu berichten weiß. - Die vorliegendene, kleine biographische Skizze streift aber auch das bemerkenswerte Verhältnis von Thea von Harbou und der Mutter von Frau Dhaul. – Sie erzählt darüber hinaus vom indischen Freiheitskampf und weiß ferner von den Bedingungen einer Eheschließung zu berichten, wie sie ihren Eltern in Gandhis Ashram auferlegt wurden…

My Father Dr Ayi Tendulkar died in 1975, when I was just 20 years old. I have several memories when he spoke of Thea von Harbou with great affection and regard. He always said that meeting her had been a turning point not only in his life but also became the fulcrum of many others too. He would always talk about her large hearted generosity. When they met in 1932 my Father was pursuing a doctorate in statistics. Thea von Harbou insisted on his pursuing a program in Mechanical Engineering as well as she felt that once India obtained independence from the British Raj there would be a tremendous requirement for industry etc. I think my Father also worked with AEG and then Siemens between 1936 and 1938. He returned to India in December 1938.

On his return he went to Belgaum, which in spite of being a small town was extensively fortified by the British due to its proximity to Goa. Goa, at that time was a Portuguese colony. My Fathers experience in the field of journalism through his work at the Berliner Tageblatt came in handy when he returned to India. He started a local Marathi paper called “Varta”.

Always outspoken, the British Commissioner in Belgaum had to warn him several times, to be careful. Tendulkar had been in Germany for so long that the British kept him under tight surveillance. He had once offended the British by hoisting the tricolour flag of the Indian Congress party, from the roof top of his house, despite warnings.

Wie die Geschichte weiterging, erfahren sie
hier.

Informationen über Laxmi Dhaul und ihre Arbeit finden sie unter:
http://laxmidhaul.com/

31.5.07

Making of: Das indische Grabmal. Ein phantastisches Hörbuch

Ich habe die Frau verloren, die nahe an meinem Herzen gelegen hat, und ich will ihr ein Grabmal errichten, dessen Schönheit ihrer Schönheit gleichen soll. Ich will, daß dieses Grabmal von dem Manne gebaut wird, unter dessen Händen der weiße Marmor zu weißen Spitzen wird, von dem Gärtner der Blumen, die aus Edelsteinen gemacht sind. Ich bitte ihn, aufzustehen, wenn er liegt oder sitzt, fortzulegen, was er in Händen hält, und zu mir zu kommen. Die Jahre sind nichts, wenn das Werk gut ist. Ich biete ihm für die Erfüllung meines Wunsches die Summe von einer Million Pfund in Gold. Er möge sich meinem Diener anvertrauen. Seine Treue steht auf meinem Haupte. Nimm, wessen du bedarfst. Alles ist dein.“

So schreibt Arada, der unendlich reiche und so mächtige wie skrupellose Fürst von Eschnapur, als er den deutschen Architekten Michael Fürbringer durch den Diener Ramigani auffordert, seiner Geliebten ein Grabmal zu bauen, daß seinesgleichen nicht hat auf Erden – und das er für eine lebendige Frau bauen lassen will...

Dieser - insgesamt dreimal verfilmte - Roman Das indische Grabmal von Thea von Harbou, der heute insbesondere noch durch die 1959er Version von Fritz-Lang bekannt ist, entsteht zur Zeit als Hörbuch in den Berliner SDM-Tonstudios (http://sdm-studio.de/home.html) von Sven Dohrow, der auch als Musiker bekannt ist (http://www.the-twins.de/pages/home_d.htm).

Gelesen wird der ungekürzte Text der Erstausgabe, der lediglich an einigen wenigen Stellen dem heutigen Sprachgebrauch angepaßt wurde, von dem erfahrenen Schauspieler und Regisseur Rudolf Marnitz, der mit seiner variantenreichen und ausdrucksstarken Alterstimme zu fesseln vermag.

Falls Sie Fragen zu diesem Projekt haben sollten, so wenden Sie sich einfach an eine der aufgeführten E-Mail-Adressen:
Andre.Kagelmann@uni-koeln.de
reinhold@keiner.de

23.4.07

Norbert Jacques’ Tochter erzählt (I)

Norbert Jacques (1880-1954), der einmal ein bekannter Romancier, Reiseschriftsteller, Essayist und Übersetzer war, wird heute wohl nur noch durch seine literarische Figur des Meisterverbrechers Dr. Mabuse erinnert.
Der Machtmensch Mabuse, der in diversen Verfilmungen vierzig Jahre lang auf deutschen Kinoleinwänden sein Unwesen trieb, begann seine 'cineastische Unterweltkarriere' mit der (zweiteiligen und gleichnamigen) Verfilmung des Romans Dr. Mabuse der Spieler durch Fritz Lang und Thea von Harbou im Jahr 1922. Für Harbou und Lang spielte der Mabuse-Stoff dann elf Jahre später noch einmal eine große Rolle: Mit dem vom Propagandaministerium verbotenen Nachfolgefilm Das Testament des Dr. Mabuse endete im Jahr 1933 nicht nur ihre filmische Zusammenarbeit, sondern auch ihre Ehre zerbrach endgültig. Für Fritz Lang war es sein letzter Film in Deutschland, bevor er Ende 1933 nach Frankreich emigrierte.
Über die Arbeit an dem ersten Mabuse-Film ergab sich auch eine Freundschaft zwischen den Familien Jacques und Lang; insbesondere Norbert und Fritz blieben einander über die Jahre verbunden. Von dieser Zeit weiß nun die heute beinahe neunzigjährige Jacqueline (Aurikel) Hannighofer zu berichten, die Lang in ihrer Kindheit bzw. Jugend persönlich kennenlernte und 1935 auch über einige Monate hinweg im Harbouschen Haus in Berlin-Dahlem verkehrte.
HÖRPROBE
Norbert Jacques’ Tochter erzählt (I)
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In dem im Januar 2007 aufgezeichneten Interview kommt sie neben Thea von Harbou, Ayi Tendulkar und Fritz Lang auch auf ihren Vater zu sprechen. In dem hier vorliegenden Gesprächsausschnitt erinnert sie sich an die Zeit, als sie ein junges Mädchen war und der berühmte Regisseur im Hause ihrer Eltern verkehrte.
Weitere Gesprächsausschnitte aus dem Interview werden hier in loser Reihenfolge erscheinen.

5.4.07

Vergessene Drehbucharbeiten (1944): DAS LEBEN GEHT WEITER

Unter dem Titel ‚Unbeugsam. Einig. Bereit’ und mit der Unterzeile ‚Das Leben geht weiter’ erschien am 16. April 1944 in der Wochenzeitung ‚Das Reich’ ein Leitartikel von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Artikel und Unterzeile wurden - auf Anweisung von Goebbels selbst - Vorgabe für ein Filmprojekt, das in die Annalen der deutschen Filmgeschichte als letzter Propagandafilm des ‚Dritten Reichs’ eingegangen ist.

Zum ersten Mal sollte in diesem Durchhalteepos der tägliche Horror in den zerbombten deutschen Städten gezeigt werden - aber auch wie sich das deutsche Volk ‚ungebrochen’ wieder aus den Ruinen erhebt. Die Dreharbeiten von DAS LEBEN GEHT WEITER (Ufa-Produktionsnummer 205) begannen im November 1944 und sollten bis in den März 1945 hinein dauern.
Der Streifen wurde aber nie fertig gestellt und das bereits gedrehte Film-Material gilt heute weitgehend als verschollen. Im Bundesarchiv-Filmarchiv werden zwei Rollen mit Material des Films aufbewahrt. Auf der einen (nur Ton) sind mehrere Takes einer Dialogszene zu hören, auf der anderen befinden sich mehrere Takes von Rückpro-Einstellungen. Sie zeigen einen Bombenangriff über dem nächtlichen Berlin. Letztere sind in der Dauerausstellung des Filmmuseums Potsdam auf einem Monitor zu sehen (diese Hinweise auf das noch vorhandene Material verdanken wir Guido Altendorf vom Filmmuseum Potsdam).

Weitere Informationen über dieses Propagandaprojekt und den Anteil von Thea von Harbou daran finden Sie hier.

8.3.07

Backfischgedichte

Am 27. Dezember 1902 – an ihrem dreizehnten Geburtstag – fand Thea von Harbou ein kleines Buch auf ihrem Gabentisch (so schreibt sie in einem Brief an einen Literaturkritiker): Ein Geschenk von ihren Freunden, die ihre bisher nur im privaten Kreis verbreiteten Gedichte sammelten und bei einem lokalen Verlag drucken ließen. Dabei darf davon ausgegangen werden, daß dies nicht ohne die tätige Mithilfe der engagierten Mutter Clotilde von Harbou vonstatten ging. Ein gewisser (Dresdener) Redakteur Hermann Schnauss steuerte zudem ein Vorwort bei, das die lyrischen Werke den – nicht dem privaten Umkreis zuzurechnenden – Rezipienten als Kinder- und Backfischgedichte zu erkennen gab.

Von dieser zweiundfünfzig Gedichte umfassenden Anthologie sind heute unseres Wissens nur noch zwei Exemplare vorhanden: Das vorliegende ist von Thea von Harbou mit einigen Widmungszeilen versehen und gehörte ihrem älterem Bruder Horst von Harbou, der mit seiner Schwester (er wirkte als Standphotograph) auch beim Film zusammenarbeite. Das Werk befindet sich heute in Familienbesitz.

Daß der Band schon früh vergriffen war, liegt übrigens an Thea von Harbou selbst: Sie zog nämlich die „Kindergedichte“ (Thea von Harbou) vom Markt zurück, weil sie „diese gesammelten Jugendsünden“, die sie im Alter von elf bis vierzehn Jahren schrieb, nicht zu ihrem Werk gezählt wissen wollte. Offiziell begann Harbous Karriere als Literatin also mit dem 1905 in der Deutschen Roman-Zeitung abgedruckten Roman Wenn’s Morgen wird. Ganz gegen ihre eigene Intention also finden Sie hier eine Kostprobe der Dichtkunst des Backfisches. Ausführlich besprochen wird der Gedichtband in meiner im April 2009 erscheinenden Dissertation Der Krieg und die Frau.

13.2.07

Thea von Harbou und 'ihre Inder': Karitatives Wirken im Zweiten Weltkrieg

von Dr. Lothar Günther, Berlin

Nach einer ersten, einer literarischen Berührung mit Indien - in ihrem 1918 erschienen phantastisch-abenteuerlichen Roman Das Indische Grabmal - kam es 16 Jahre später für Thea von Harbou zu einer zweiten, einer realen Berührung mit Indien und einem Inder: Gut 16 Jahre jünger war der gut aussehende, kluge und charmante indische Doktorand Ayi Ganpath Tendulkar, den sie Anfang 1933 in Berlin kennen lernte. Der Sohn eines Brahmanen, 1905 in Belgunde nahe Bombay geboren, war 1927 nach Deutschland gekommen und hatte sich an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin für die Fächer Philosophie und Mathematik eingeschrieben. 1930 stellte er aber dann den Antrag auf eine Promotion im Fach Staatswissenschaften. Als Anhänger Gandhis und Unterstützer des Freiheitskampfes gegen die britische Kolonialherrschaft wirkte er als Sachverständiger für Indienfragen im Mitarbeiterkreis der Weltbühne. Das beginnende Liebesverhältnis zwischen der prominenten Drehbuchautorin und dem indischen Studierenden fiel somit genau in die Zeit des Regierungsantritts der Nationalsozialisten. Da Thea von Harbous Ehe mit dem Regisseur Fritz Lang nur noch auf dem Papier bestand und dieser schon lange mit anderen Frauen liiert war, war die Scheidung im Frühjahr 1933 eine Formalität, die jedoch einer Begründung bedurfte, die Thea von Harbou auf sich nahm: Sie wurde schuldig geschieden. Frau von Harbou konnte nun jedoch mit A. G. Tendulkar zusammenziehen. Es war durchaus mutig von Thea von Harbou, in dieser Zeit, in der es bereits zahlreiche rassistische Übergriffe gegen Inder und indische Einrichtungen in Deutschland gab, sich öffentlich zu einem Ausländer zu bekennen.
Weitere Informationen finden sie hier.



[Das Bild zeigt Thea von Harbou und Michaela Purzner (verh. Sarma) mit Berliner Indern bei einer Geldsammlung (für das Winterhilfswerk?) vor dem Sportpalast am 29. 3. 1941.]

29.1.07

M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER als Hörspiel erschienen

Das komplexeste Drehbuch, das Thea von Harbou je geschrieben hat, war für den Film M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER (1931) (Regie: Fritz Lang). Der Film skizziert mit suggestiven Bildern, wie eine Mordserie an Kindern eine Stadt in Angst und Schrecken versetzt, wie dadurch Verfolgungswahn und latenter Hass freigesetzt werden. Da der Mörder die alltägliche Ordnung, auch die der Kriminellen, auf das Empfindlichste stört, wird er nicht nur von der Polizei, sondern auch von der Unterwelt gejagt - und gefasst.
In dem Anfang 2007 im AUDIO VERLAG erschienenen gleichnamigen Hörspiel werden um die Originalstimmen der beiden Schauspieler Peter Lorre und Gustaf Gründgens neuinszenierte Szenen gebaut und zusammen mit einer zwischen historischen Stilzitaten und elektronischen Clicks & Cuts oszillierenden Musik zu einer zeitgemäßen Erzählform verwoben. Ins Hörspiel eingefügte Auszüge aus Polizeiakten weisen darauf hin, dass die Filmhandlung auf einem historischen Kriminalfall beruht.
Bearbeiter des Hörspiels ist der Verleger Michael Farin, belleville Verlag, u. a. auch Co-Autor des Films DER TOTMACHER, zudem Bearbeiter zahlreicher Hörspiele und Hörspieladaptionen, z. B. Klaus Manns ‚Mephisto’ und Thea von Harbou / Fritz Langs ‚Metropolis’.

21.1.07

Vergessene Drehbucharbeiten 1933 (2): VIKTOR UND VIKTORIA

Die Travestie-Kömodie VIKTOR UND VIKTORIA, die am 23.12.1933 im Berliner Gloria-Palast uraufgeführt wurde, wird bis heute ausschließlich mit dem Namen Reinhold Schünzel in Verbindung gebracht. Firmiert dieser doch in offiziellen Filmografien nicht nur als Regisseur, sondern auch als Drehbuchautor dieses UFA-Films (Herstellungsgruppe Alfred Zeisler).
VIKTOR UND VIKTORIA erzählt die Geschichte von zwei Kleindarstellern, Viktor Hempel und Susanne Lohr. Viktor tritt im Kabarett als Damen-Imitator ‚Monsieur Viktoria’ auf. Als er erkrankt, springt Susanne Lohr - mit Erfolg - für ihn ein. Bei einer Tournee, die sie nach London führt, verdreht Susanne im Frack allen Frauen den Kopf, bis jemand ihrem Spiel auf die Schliche kommt. Während der echte Viktor einem Nummerngirl der Revue nachstellt, wird der falsche Viktor durch Mannbarkeitsproben enttarnt. Schließlich muss Viktor Hempel am Schluss selbst als ‚Viktoria’ in der Revue einspringen.
Im Juni 1933 erwarb die UFA über Reinhold Schünzel die Rechte an dem Stoff, der zu dieser Zeit noch GEORG UND GEORGETTE betitelt war und der von Anfang September bis Ende November 1933 verfilmt wurde. Er erhielt hierfür und für seine gleichzeitige Mitarbeit an dem Drehbuch 13.000 RM. Was aber bis heute unbekannt ist: "Ferner genehmigt der Vorstand die Erteilung eines Drehbuchauftrages an Frau Thea von Harbou zu einem Pauschalhonorar von 12.000 RM." (UFA-Protokoll Nr. 926, 23.06.1933, Bundesarchiv Berlin). Am 22. Juli 1933 traf die UFA mit Reinhold Schünzel eine zusätzliche Vereinbarung, wonach er für seine Mehrarbeit, „welche er durch den Fortfall der Mitarbeit von Thea von Harbou an dem Manuskriptstoff zu leisten hat, zu dem für die Manuskriptarbeit festgelegten Honorar eine zusätzliche Zahlung von 3.000.- -RM erhält, … (UFA-Protokoll Nr. 935, 15.08.1933, Bundesarchiv Berlin).
Warum die Zusammenarbeit zwischen Thea von Harbou und Reinhold Schünzel nicht funktionierte oder welche anderen Gründe für den ‚Ausstieg’ von Thea von Harbou maßgebend waren, geht aus den UFA-Protokollen nicht hervor. (... wird fortgesetzt)

17.1.07

Vergessene Drehbucharbeiten 1933 (1): WALZERKRIEG

1933 beschloss der Vorstand der Universum-Film AG (UFA), für die Fertigstellung des 3. Aktes des Drehbuches für den Film WALZERKRIEG Thea von Harbou zu verpflichten. Man war bereit, hierfür bis zu 5.000 RM zu bezahlen, nach Möglichkeit sollte aber billiger abgeschlossen werden. (Vgl. UFA-Protokoll Nr. 912, 04.05.1933, Bundesarchiv Berlin). Ob es zu dieser Arbeit am 3. Akt gekommen ist, geht aus weiteren UFA-Protokollen nicht hervor. Als offizielle, alleinige, Drehbuchautoren dieser Günther Stapenhorst-Produktion der UFA werden heute Hans Müller und Robert Liebmann genannt.
WALZERKRIEG, der am 4. Oktober 1933 uraufgeführt wurde, erzählt vom Streit zwischen dem Walzerkönig Joseph Lanner und seinem noch unbekannten Geiger Johann Strauß. Es kommt zum Bruch. Strauß wird nach London engagiert und hat dort seine ersten Erfolge. Durch das zunächst unglückliche Eingreifen von Lanners Tochter kommt es aber schließlich zur Versöhnung.
Ein weiteres Indiz für die Mitarbeit von Thea von Harbou ist ein sehr persönlicher gehaltener Brief von ihr an den Regisseur des Films, Ludwig Berger, geschrieben am 25.05.1933, also kurz vor Beginn der Dreharbeiten im Juni 1933. In diesem Brief schenkt sie ihm zwei Ming-Vasen und empfiehlt ihm, diese, falls sie ihm nicht gefallen sollten, jemanden an den Kopf zu werfen, auf den er ‚eine gesunde Wut’ habe: „An Objekten dazu wird es Ihnen ja nicht fehlen“. (Brief von Thea von Harbou an Ludwig Berger, Berlin, 25.05.1933 – ‚Ludwig Berger-Archiv’ der ‚Akademie der Künste’, Berlin). Ein möglicher Hinweis auf die Schwierigkeiten, die es bei der Fertigstellung des Drehbuches gab und für deren Beseitigung man Thea von Harbou ‚einschaltete’. Standfotograf bei dieser Produktion war übrigens ihr Bruder Horst von Harbou. (... wird fortgesetzt)

5.1.07

Aufblühender Lotos. Roman von Thea von Harbou

von Dr. Lothar Günther

Aufblühender Lotos, dieser zweite Indien-Roman Thea von Harbous, erschien im Kriegsjahr 1941 im Deutschen Verlag (Berlin). Im Unterschied zu Das Indische Grabmal von 1917, bei dem es sich um phantastisch-abenteuerliche Literatur handelt, hat Aufblühender Lotos eine reale politische Bedeutung: Es ist eine literarische Anklage gegen ein Stück britischer Kolonialgeschichte und stellt eine entschiedene Befürwortung des sich entwickelnden Freiheitskampfes des indischen Volkes dar. Das Werk kann insofern als ein politischer Unterhaltungsroman bezeichnet werden. Ansprechend ist das Werk dabei vor allem in den Abschnitten, wo Thea von Harbou indische Geschichts-, Landes- und Menschenkenntnisse einbaut und darstellt. Abstoßend wirkt heute jedoch der antibritische Charakter des Romans, der jedoch der Veröffentlichung während des Zweiten Weltkrieges zuträglich gewesen sein mag.
Weitere Informationen finden Sie hier.